„Hier lernte ich, was Entwicklung heißt“

Mahbubul Islam, Direktor von DIPSHIKHA, unserer Partnerorganisation in Bangladesch, im Interview mit Lothar Kleipass, Geschäftsführer des ILD.


Lothar Kleipass: Mahbub, wie war das am Anfang, als Du bei Dipshikha angefangen hast?

Mahbubul Islam: Als Koordinator der Landwirtschaftskomponente des „Integrierten Dorfentwicklungsprojektes I“ im Gebiet um Rudrapur bestand meine Hauptaufgabe darin, landwirtschaftliche Aktivitäten zu entwickeln.

In der Praxis war dies gar nicht so leicht. Wir führten verschiedene angepasste Technologien ein, mit dem Ziel, die landwirtschaftliche Erzeugung zu steigern, wie auch das Einkommen armer Kleinbauernfamilien zu erhöhen. Dabei wurden alle landwirtschaftlichen Aktivitäten gefördert: Pflanzenbau, wie Tierzucht, Gemüsebau, Aufforstung und Fischzucht, und begleitend dazu landwirtschaftliche Versuche und Schulungen auf Kleinbauernniveau. Bis heute arbeitet Dipshikha mit der gleichen Philosophie in verschiedenen Projektgebieten.

L. K.: Und wie ging es dann weiter bei Dipshikha?

M. I.: Die Durchführung des „Integrierte Dorfentwicklungsprojekt II“ in Ghoraghat, für das ich als Projektkoordinator verantwortlich war, versuchte ich an den Zielen zu orientieren, auf die wir uns verständigt hatten. Hier lernte ich, was „Entwicklung“ heißt. Wir verfolgten den gängigen „Gruppenansatz“, aber schon stellte ich fest, daß damit unsere vorgesehenen Ziele kaum erreichbar waren. Die Gruppen folgten zwar der Regel Dipshikha’s, sich wöchentlich zu treffen, jedoch war es eigentlich nicht „ihre Sache“, mit der sie sich identifizieren konnten.

L. K: Hat das Projekt damit seine Ziele nicht erreicht?

M. I.: Na ja, das lässt sich so leicht nicht sagen. Ich weiß von vielen Familien, die ihre Lebenssituation in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht mit Hilfe unserer Mittel deutlich verbessern konnten. Aber oft gab es auch ökonomische Rückschläge, wenn Rechnungen bei Krankheiten oder für aufwendige Feste (Hochzeiten) zu zahlen waren. Sie machten das Erreichte zunichte. Ich dachte viel nach über das gängige Kreditsystem und wie es sein kann, daß eine Familie wieder all das verlieren kann, was sie aufgebaut hat.

L. K: Und was war das Ergebnis?

M. I.: Ich diskutierte daraufhin mit Paul Tigga, unserem Direktor, über alternative Ansätze. Man kann heute sagen, daß unser „Familienansatz“ aus den Erfahrungen hervorgegangen ist, die wir in Ghoraghat gemacht haben. In Tarash sind wir nun sehr erfolgreich mit diesem Ansatz. Das heißt, wir arbeiten direkt mit Familien, also auch mit den Männern und den Kindern, bzw. Jugendlichen. Entscheidungen werden gemeinsam in den Familien getroffen und mitgetragen.

L. K: Dann bist Du auf die Idee gekommen, Dich damit wissenschaftlich auseinander zu setzen?

M. I.: Ja, ich konnte damals mein Studium nicht mit einem Masters abschließen, da mir dazu das Geld fehlte. Um zu überleben, mußte ich einen Job annehmen. Aber ich hatte immer im Kopf, meinen Masters nachzuholen. Als ich 2005 feststellte, daß alle unsere Projekte ganz gut laufen, sah ich die Zeit dafür gekommen. Und da ich mich mit Entwicklungsarbeit beschäftigte, sollte die Wahl auf ein Thema zur ländlichen Entwicklung fallen. Außerdem sollte die Arbeit etwas mit Dipshikha zu tun haben. Nach langen Überlegungen, auch mit meinen Lehrern, entschied ich mich, die beiden Ansätze Dipshikha’s miteinander zu vergleichen. Davon hätte schließlich Dipshikha auch etwas. Ohne eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung wären wir kaum in der Lage nachzuweisen, daß der Familienansatz sich tatsächlich besonders für die Arbeit mit sehr armen Familien eignet.

L. K: Wie bist Du dann vorgegangen?

M. I.: Na ja, es war gar nicht so einfach, die verschiedenen Dimensionen und Indikatoren zu identifizieren, um die Wirksamkeit beider Ansätze gut vergleichen und messen zu können. Das war ein hartes Stück Arbeit, doch schließlich gelang es, dafür geeignete Instrumente zu entwickeln. Dabei erhielt ich viel Unterstützung von dem gesamten Dipshikha-Team.

L. K: Und was ist dabei herausgekommen?

M. I.: Die Ergebnisse meiner Arbeit eröffnen eine neue Dimension im Bereich der Entwicklungsansätze. Der Familienansatz erweist sich als eine potentielle Methode Armut zu reduzieren. Das heißt nicht, daß der Gruppensansatz unbrauchbar ist, er ist allerdings weniger effektiv und sollte verbessert werden.

L. K: Und wie geht es weiter?

M. I.: Generell sollten die Ergebnisse Dipshikha und andere Entwicklungorganisationen dazu anregen, ihre Kleinkreditsysteme zu verbessern. Ich glaube, daß in Zukunft viele Organisationen unseren Ansatz übernehmen. Dazu muß er nun bekannt gemacht werden. Dabei hoffen wir auf die weitere Unterstützung unserer Partner. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dipshikha, Shanti und dem ILD sehr herzlich für ihre geduldigen Anregungen, ihre Ungterstützung und ihr Interesse an meiner Studie danken.

L. K: Ich bedanke mich für das interessante Gespräch

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