Getreide ist das neue Gold

Nach einer Untersuchung der Vereinten Nationen betrug die anbaufähige Ackerfläche im Jahre 1950 etwa 0,52 ha pro Person, im Jahre 2000 waren es noch 0,26 ha und die Prognosen sagen für 2050 für etwa 9 Milliarden Menschen nur noch 0,19 ha pro Person Ackerfläche voraus.

Staaten kaufen fremdes Land. Im Sudan haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate 400.000 ha landwirtschaftliche Nutzfläche gesichert. Und China, das sich anschickt, zum größten Landaufkäufer der Welt zu werden, erwirbt in der demokratischen Republik Kongo für fast 3.000.000 ha Nutzungsrechte. Diese Art von Ernährungssicherung birgt Sprengstoff.

Die Landwirtschaft soll Hunger und Armut bekämpfen, Nahrungsgüter produzieren, sie soll dies weltweit auch ökonomischer und ökologischer tun als bisher, sie soll nicht nur mehr Nahrungsmittel produzieren, sondern auch die Treibhausgase reduzieren und Energie erzeugen.

4 Milliarden Menschen, also zwei Drittel der Menschheit haben zu wenig vom internationalen Handel. 3 Milliarden Menschen leben in bitterer Armut. In der Zeit zwischen 1870 und 2000 hat die Welt-Landwirtschaft tendenziell immer mehr Nahrungsmittel für immer mehr Menschen zu immer geringeren Preisen produziert. In den vergangenen 50 Jahren sind die Weltagrarpreise, zumal die Getreidepreise, erheblich gesunken und haben heute noch nicht einmal das Niveau von damals erreicht. Sinkende Preise führen zu sinkendem Interesse an der Landwirtschaft und zu geringen Investitionen. Dies führte auch zu einem sinkenden Anteil der Landwirtschaft an den weltweiten Ausgaben für Entwicklungshilfe. (Getreidepreise Anfang 2008= 25Euro; Ende 2008 = 12 Euro)

6,6 Milliarden Menschen leben heute, davon 80% in Entwicklungsländern, 8,3 Milliarden Menschen werden es  2030 sein. Es müssen also viel mehr Nahrungsmittel erzeugt werden. Die globale Nahrungsproduktion muss bis dahin um 60% ansteigen. Über 1 Milliarde Menschen hungern und mehr als 2 Milliarden leiden unter Mangelernährung. Paradoxer Weise leben rund 75% der Hungernden auf dem Lande, also dort, wo eigentlich Nahrung produziert wird.

Schätzungen der FAO gehen davon  aus, dass mit den derzeitig in der Landwirtschaft angewendeten Verfahren und den vorhandenen natürlichen Ressourcen rund 12 Milliarden Menschen problemlos ernährt werden könnten. Ausreichend Nahrungsmittel gibt es schon heute, aber ungenügende Verteilung, fehlende Kaufkraft und schlechte Infrastruktur, ungerechte Landverteilung, Kriege und Korruption führen zu dieser Katastrophe. Andererseits sind 1 Milliarde Menschen  übergewichtig. 40% einer jeden Ernte weltweit gehen verloren. 30-40% aller Lebensmittel in den Industriestaaten werden weggeworfen.

Zur Sicherung der Ernährungsgrundlagen und der Energiegewinnung bei Klimawandel, wachsender Bevölkerung und neuen Ernährungsgewohnheiten brauchen wir Innovation und Effizienzsteigerung, Ertragssicherung und Ertragssteigerung. Ackerbaulich werden weltweit zurzeit 1,5 Milliarden Hektar ha genutzt. Insgesamt verfügbar sind 4,2 Milliarden ha, die Hälfte davon Wald, der zu erhalten ist. Auf keinen Fall wird eine unbegrenzte Ausweitung der Produktionsflächen die notwendige Produktionssteigerung erbringen können; dies kann nur über eine Erhöhung der Effizienz gelingen.

Der entscheidende Faktor in der Landwirtschaft ist das Wasser. Die Landwirtschaft ist der größte Wasserverbraucher. Für die Produktion von 1 kg Fleisch werden 20 t Wasser gebraucht.

Vor der Erfindung des Autos wurde ein gutes Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Fütterung der Reit- und Zugtiere gebraucht.

Der Konflikt zwischen Teller und Tank sollte dann weit gehend entschärft sein, wenn die nächste Generation von Biotreibstoffen aus organischen Reststoffen zur Verfügung stehen wird. Weltweit werden knapp 2 % der Nutzfläche für den Anbau von nachwachsenden Stoffen genutzt, in Deutschland sind es 3 %. In 2020 könnten in Deutschland 3-5-Millionen ha oder rund 17% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche für die Erzeugung von Bioenergie verfügbar sein ohne die Lebensmittelversorgung zu gefährden.

Eine Agrarpolitik ohne Perspektive gefährdet die Lebensgrundlagen. Die vielschichtigen und weitreichenden Krisen in der Landwirtschaft fordern Landwirte, Verbraucher und Politiker gleichermaßen heraus, sich über eine zukunftsfähige Landbewirtschaftung, ein zukunftsweisendes Verbraucherverhalten und eine zukunftsträchtige Agrarpolitik zu verständigen.

Wer den Maßstab der Nachhaltigkeit, also den Einklang von ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten anlegt, kommt zu dem Ergebnis, dass viele agrarpolitische Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte nicht nachhaltig waren.

Die Menschen sind zum schöpferischen Handeln aufgerufen. Unser täglich Brot entsteht aus der Erde im Zusammenspiel von Pflanzen, Tieren und Menschen in Gottes Schöpfung. Es kommt bei uns wie überall in der Welt darauf an, die äußerst dünne und kostbare Schicht fruchtbaren Bodens zu erhalten und nachhaltig zu sichern. Nachhaltige und standortgerechte Landbewirtschaftung, die die Bodenfruchtbarkeit sichert, Emissionen und Einträge in Luft, Wasser und Boden vermeidet bzw. minimiert, zeichnet sich auch durch eine artgerechte Tierhaltung aus.

Die Agrarpolitik muss sowohl die Lage in den Industrienationen, wie auch die Interessen der Bauern und Bäuerinnen in den Entwicklungsländern berücksichtigen. Wenn weltweit die Chancen der Landwirtschaft gefördert werden sollen, dann ist das nur durch ein marktwirtschaftliches Ordnungssystem möglich.

Die aktuelle ökonomische Weltordnung erzeugt bei vielen Menschen zugleich Hoffnung und Angst. Dies ist wohl immer so in Zeiten tief greifender Umbrüche.  Die Globalisierung muss erklärt, die Gestaltungskraft der Ökosozialen Marktwirtschaft in der Weltfinanzwirtschaft und im Welthandel gestärkt, die Einsicht in die Zusammenhänge gefördert werden.

Entscheidungen und Entwicklungen werden daran gemessen, ob sie die Würde des Menschen anerkennen und die natürlichen Lebensgrundlagen sichern. Die Ordnung des internationalen Handels ist auch deswegen besonders wichtig, weil für die armen und hungernden Menschen die Landwirtschaft eine große Bedeutung hat.

Mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen verantwortungsvoll umzugehen und eine sinnvolle Ordnung des menschlichen Zusammenlebens zu verantworten, ist eine wichtige Aufgabe. Mit der Schöpfung verantwortlich umzugehen kann nur verwirklicht werden, wenn die persönlichen Freiheitsrechte, das Privateigentum und dezentrale Entscheidungsstrukturen in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat Bestand haben.

Hermann Kroll-Schlüter, Staatssekretär a.D.
Präsident des Internationalen Ländlichen Entwicklungsdienstes (ILD)
Vorstandsmitglied des Ökosozialen Forum Europa

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